Stockholm – neuere Stadtentwicklung
Neuere Stadtentwicklung ab etwa 1900
Für die Formulierung des nachfolgenden Textes wurde unter anderem das Buch „Architekturführer Stockholm“ von Dr. Cordia Momberg benutzt (DOM publishers, Berlin, 2021).
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Einwohnerzahlen Stockholms folgendermaßen:
- 1910: 340 Tausend,
- 1940: 590 Tausend,
- 1960: 800 Tausend.
Während des ersten Weltkriegs konnte Schweden seine Neutralität behaupten und wurde nicht in das Kriegsgeschehen einbezogen. Im Nachklang der Industrialisierung und dem Zuzug von Arbeitern herrschte während des 1. Weltkriegs und danach eine starke Wohnungsnot. Ab den 1920er Jahren begegnete man ihr durch verstärkten gemeinnützigen Wohnungsbau.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1911-23) wurde auf Kungsholmen im Stil der schwedischen Nationalromantik der gewaltige Bau des Rathauses (Stadshuset) mit einem 108 Meter hohen Turm errichtet; Architekt war Ragnar Östberg. Das Stadshuset gilt heute als das Wahrzeichen Stockholms.
Bau des Stockholmer Ratshauses (Stadshus)
Das Bondesche Palais als früherer Sitz des Rathauses
Das erste Stockholmer Rathaus befand sich bis 1732 am Stortorget; zwischen 1732 und 1915 war es dann im Bondeschen Palais (Bondenska palatset) nahe dem Riddarhuset untergebracht. Dieses von Nicodemus Tessin dem Älteren und Jean de la Vallée zwischen 1662 und 1673 erbaute Palais war ursprünglich der private Wohnsitz des Reichsschatzmeisters. Heute ist das Haus Sitz des Obersten Gerichtshofes; die nötigen Umbauarbeiten nahm 1949 der Architekt Ivar Tengbom vor.
Bilder oben: die nordwestliche Fassade des Bondeschen Palais; im Hintergrund ist das Riddarhuset sichtbar. Fast 200 Jahre lang war dieses Gebäude das Stockholmer Rathaus.
Bilder oben: die südliche Gebäudefront des Bondeschen Palais zum Riddarhustorget (Ritterhausplatz) hin; das Bondesche Palais ist heute Sitz des Högsta Domstolen, des Obersten Gerichtshofes.
Neubau des Rathauses – Ragnar Östberg, 1923
Bild oben: Blick vom westlichsten Punkt von Riddarholmen (von der Evert Taube-Terrasse) auf das Rathaus; rechts im Bild das Waterfront Kongresszentrum mit dem Raddisson Blu Hotel.
Bild oben: Blick von der Aussichtsplattform Mariaberget am Monteliusvägen auf Södermalm auf den Riddarfjärden und das Rathaus; im Hintergrund die Wohnhochhäuser „Norra Tornen“ (Nordtürme) vom Architekturbüro OMA von Rem Koolhaas, die 2018 bzw. 2020 feriggestellt wurden.
Bild oben: eine Infotafel vor dem Gebäude zeigt den Grundriss der gesamten Anlage und gibt Hinweise auf die einzelnen Gebäudebereiche.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1911-23) wurde dann auf Kungsholmen im Stil der schwedischen Nationalromantik der gewaltige Bau des Rathauses (Stadshuset) mit einem 108 Meter hohen Turm errichtet; Architekt war Ragnar Östberg. Im Gebäude sollen 8 Millionen Ziegel verbaut worden sein.
Das Rathaus ist Sitz der Stadtregierung und des Stadparlamentes. Das etwa 200 Räume umfassende Gebäude gehört zu den Wahrzeichen Stockholms, vielleicht ist es sogar DAS Wahrzeichen der Stadt.
Einen schönen Blick auf den Riddarfjärden, auf die Nachbarinsel Riddarholmen sowie auf Södermalm hat man von der Terrasse vor dem Gebäude, dem Rathauspark (siehe Bild).
In den Sommermonaten kann auch (über 360 Stufen) der Turm bestiegen werden, von hier oben hat man den besten Überblick über die Innenstadt. Am 10. Dezember findet jedes Jahr im „Blauen Saal“ des Rathauses das Bankett zu Ehren der aktuellen Nobelpreisträger/innen statt. Noch spektakulärer als der „Blaue Saal“, der gar nicht blau ist, sondern von Östberg schließlich mit dunklen Ziegeln ausgemauert wurde, ist der so genannte „Goldene Saal“ im Obergeschoss des Rathauses. Hier sind alle vier Wände mit einem Mosaik von insgesamt 18 Millionen vergoldeten Steinchen verkleidet. Das Mosaik zeigt unter anderem die allegorische Mälar-Königin und den Schutzpatron Stockholms, den Hl. Erik.
Zum Bild: Blick vom Rathausturm auf den Rathauspark (Stadshusparken) mit seinen Brunnen und Figuren.
Bilder oben: Blick von Riddarholmen auf das Rathaus.
Bilder oben: erstes Bild: Blick von der Riksbron (Reichsbrücke) am Regierungsgebäude Rosenbad vorbei auf die Vasabron (Vasa-Brücke) und das Stockholmer Rathaus; weitere Bilder: die Vasabron, das Inselchen Strömsborg und das Rathaus.
Bilder oben: Blick von der Hantverkergatan bzw. der Stadshusbron (Rathausbrücke) auf das Rathausgebäude mit seinen Türmen.
Bilder oben: der Turm des Rathauses mit Uhr und Figurenschmuck (der Hl. Georg besiegt den Drachen) sowie dem Drei-Kronen-Symbol (dem schwedischen Landeswappen) auf der Turmlaterne.
Bilder oben: Kolonnade an der Südseite des Gebäudes zum Stadshusparken (Rathauspark) hin. Die Deckenausmalung gestaltete Axel Wallert; die dargestellten Szenen und Figuren entstammen der griechischen und römischen Mythologie.
Bilder oben: vom Turm aus kann man in den Innenhof des Rathauses schauen (Aufnahme vom Mai 2002).
Bilder oben: der Innenhof des Rathausgebäudes und Figurenschmuck: vergoldete Figur des Götterboten Hermes und des Hl. Georg beim Kampf mit dem Drachen.
Bilder oben: Vom Rathauspark südlich des Gebäudes hat man einen schönen Ausblick auf Södermalm und Riddarholmen.
Bilder oben: Skulpturen und Brunnen im Rathauspark vor der Südfassade des Gebäudes mit dem breiten Arkadengang.
Bild oben: Nordseite des Rathauses an der Hantverkargatan; links im Bild die Rathausbrücke, rechts der Zugang zum Restaurant Ratskeller.
Das Hauptpostgebäude (Centralposten, Posthuset), 1903
Die Königlich Schwedische Post erhielt in Stockholm 1875 ein eigenes, neues Gebäude, welches sich aber sehr bald als zu klein erwies, um das gestiegene Postaufkommen zu bewältigen. Daher wurde ein Architekturwettbewerb für einen größeren Neubau veranstaltet, den der Architekt Fredinand Boberg für sich entscheiden konnte. In den Jahren 1998 bis 1903 schuf Boberg ein mächtig erscheinendes Renaissancegebäude mit einem Granitsockel, welches mit rotem Sandstein verkleidet ist. Zur Straßenseite (Vasagatan) hin gibt es Rundbogenfenster, im Mittelrisalit ragt ein kurzer Uhr-Turm über das Dach hinaus, die beiden Gebäudeecken werden von zwei ziegelverkleideten Rundtürmen gebildet. Die Eindeckung des Daches mit Gauben besteht aus schwarzem Schiefer. Ansonsten trägt das Gebäude reiche Ornamentik, u.a. sind an der Fassade das Königliche Wappen oder Brieftauben zu sehen.
In den Jahren 1930 bis 1938 erhielt das Gebäude zwei Anbauten, geplant und ausgeführt vom Architekten Erik Lallerstedt.
Bis 2003 war die Centralposten tatsächlich auch Hauptsitz der schwedischen Post; dann wurde das Haus umgebaut und heute residieren hier Regierungsbehörden bzw. das Wirtschaftsministerium.
Bilder oben: das frühere Hauptpostgebäude an der Vasagatan. Über dem Mittelrisalit sitzt ein massiver Uhrturm, die Gebäudeecken werden von Rundtürmen gebildet.
Bilder oben: Uhrturm und Namenszug.
Bilder oben: reche Ornamentik an der Hauptfassade, unter anderem kann man Posthörner und das Drei-Kronen-Symbol erkennen.
Bilder oben: Haupteingang am Mittelrisalit, Balkon am Turm.
Erste große Kaufhäuser in Stockholm – das Kaufhaus NK (Nordiska Kompaniet), 1902
Bild oben: unweit des Parks Kungsträdgården an der Hamngatan befindet sich das traditionsreiche Kaufhaus „NK“ (Nordiska Kompaniet).
1902 entstand durch den Zusammenschluss der Einzelhandelsunternehmen von Karl Lundberg und Joseph Leja die „Nordiska Kompaniet, NK“ (mit den Buchstaben N.K. im Logo, welches 1902 von David Blomberg entworfen wurde), welche heute noch ein großes Kaufhaus in Stockholm betreibt. NK ist mittlerweile ein reines Immobilienunternehmen, im Kaufhaus in Stockholm sind die Räumlichkeiten an Handelsunternehmen vermietet. Das Jugendstilgebäude an der Hamngatan wurde 1905 von Ferdinand Boberg entworfen und gebaut.
Bilder oben: das Stockholmer Kaufhaus „NK“ liegt an der Hamngatan in der Nähe des Kungsträdgården einerseits und des Sergels torg andererseits. Die Fassade wird von Jugendstil-Ornamentik geziert; besonders auffallend ist das goldene „NK“-Logo und der Uhrenturm (mit Logo) auf dem Dach.
Stockholm erhält eine mondäne Einkaufsstraße: Kungsgatan und Kungstornen – Königstraße (1911) und Königstürme (1923/25)
Bild oben: Blick von der Brücke der Regeringsgatan auf die Kungsgatan mit den zwei Königstürmen (Kungstornen). Rechts der Nord-, links der Südturm.
In den Jahren 1905 bis 1911 wurde die Straße Kungsgatan (Königstraße) neu angelegt und in den Folgejahren zunehmend (inspiriert von amerikanischen Vorbildern) auch bebaut; 1919 und 1924 wurden etwa in der Mitte dieser etwa 1,5 Kilometer langen Hauptstraße die beiden Kungstornen (Königstürme), zwei nach den Vorbild amerikanischer Wolkenkratzer gestaltete Türme errichtet. An der Stelle, an der die Straße Malmskillnadsgatan die Kungsgatan kreuzt, ragen beidseits dieser Straße die zwei ca. 60 Meter hohe Bürotürme auf, wohl die ersten Hochhäuser Europas. Etwas später (1929) wurden sie dann vom Boerentoren (dem „Bauernturm“) in Antwerpen überragt (87 Meter), der anlässlich der damals dort stattfindenden Weltausstellung errichtet wurde.
Die beiden sehr ähnlich gestalteten Türme wurden von Sven Wallander und Ivar Callmander geplant und gebaut; der Nordturm (Norra Kungstornet) von Wallander 1923, der Südturm (Södra Kungstornet) zwei Jahre später von Callmander. Der südliche Königsturm ist mit 17 Stockwerken etwas höher als der 16-stöckige nördliche Turm. Zwischen den beiden Türmen spannt sich eine Brücke über die Kungsgatan, die Malmskillnadsbron, welche die gleichnamige Straße fortführt, die in 16 Metern Höhe die Kungsgatan quert.
Bilder oben: Blick von der Malmskillnadsgatan auf die 16 Meter tiefer liegende Kungsgatan und die beiden Königstürme; letztes Bild: Blick von der Kungsgatan aus.
Bild oben: über eine verwinkelte Treppe gelangt man von der Kungsgatan auf die höher gelegene Querstraße Regeringsgatan. An den Wänden hängen historische Fotos von der Kungsgatan.
Bilder oben: über eine recht schmale und steile Treppe gelangt man vom Niveau der Kungsgatan auf die Brücke Malmskillnadsbro und damit zur Malmskillnadsgatan. Etwas weiter östlich gibt es eine weitere Querung der Kungsgatan in luftiger Höhe: auch hier führt eine Brücke die Regeringsgatan über das tiefer liegende Straßenniveau. Der Brückenbogen der Malmskillnadsbro ist an der Unterseite mit einem Mäandermuster ausgemalt.
Bilder oben: der Nordturm und Eingangsbereich des Nordturms mit zwei flankierenden Atlanten.
Die beiden Königstürme unterscheiden sich vor allem in der Gestaltung der Turmköpfe: hier ist der Südturm mit einer filigraneren und üppigereren Ornamentik versehen; zudem stehen an allen vier Ecken einer um den Turmkopf führenden Galerie Figuren aus der griechischen Mythologie (geschaffen von Aron Sandberg), nämlich Fortuna, Merkur, Neptun und Victoria. Die Siegesgöttin Victoria hält – nicht ganz mythoskonform – ein Ericsson-Telefon in der Hand: die Telekommunikationsfirma Ericsson hatte bis 1940 in den Büroräumen des Südturms ihren Hauptsitz. Die Türme und insbesondere die Turmköpfe wurden und werden nachts effektvoll beleuchtet.
Bilder oben: Turmkopf und Eingangsbereich des Nordturms.
Bilder oben: Turmkopf des Südturms.
Bilder oben: die Figuren auf der Galerie: die Siegesgöttin Victoria (mit Ericsson-Telefon) und Merkur mit dem geflügelten Helm; er gilt als Gott des Handels und der Kaufleute.
An der Kreuzung Sveavägen/Kungsgatan, also im angrenzenden Häuserblock, befindet sich das zwischen 1929 und 1931 von Cyrilles Johansson erbaute Centrumshuset mit einer konkav nach innen gekrümmten Gebäudeecke („Ström-Ecke“); im Haus gibt es Geschäfte und Büros, im Erdgeschoss viele Ladengeschäfte. Das mächtige Gebäude zeigt eine kunstvoll gemauerte Ziegelfassade, das Tragwerk ist allerdings eine Stahlskelettkonstruktion.
Bilder oben: 1931 errichtete Cyrilles Johansson das Backsteingebäude an der Kungsgatan im Stil des „nordischen Klassizismus“. Die drei obersten Stockwerke sind abgetreppt zurückgesetzt.
Bilder oben: das Bekleidungshaus Ströms residiert seit 1939 im Centrumshuset an der Ecke Sveavägen/Kungsgatan.
Bild oben: das Geschäftshaus Kungshuset an der Kungsgatan. Das mit hellem Kalkstein verkleidete Gebäude wurde in den Jahren 1938 bis 1940 errichtet; die Pläne dazu stammen von den Architekten Hagstrand & Lindberg.
Der Generalplan für die Anlage der Kungsgatan stammt vom Erbauer des Nordturms, Sven Wallander; gleich nach Fertigstellung der Bebauung an der neuen Straße, die mit einheitlichen Fassaden und Arkadengängen glänzte, wurde diese zur mondänen Einkaufsstraße Stockholms. Zudem ist sie die Straße mit der höchsten Kino-Dichte der Stadt. Ein besonders herausragendes Gebäude ist das Operettenhaus „Oscarteatren“ (nähere Informationen dazu auf der Seite „Stockholm – Kulturbauten„), ein prächtiger Jugendstilbau mit einem weit über den Gehsteig auskragenden Vordach am Eingangsbereich (Architekt war Axel Anderberg, 1907).
Bild oben: das Oscar-Theater (Oscarsteatren) an der Kungsgatan wurde 1907 von Axel Anderberg erbaut.
Als in den 1960er Jahren sich das kulturelle und geschäftliche Zentrum auf das neu gestaltete und gebaute Gebiet um den Sergels torg verlagerte, geriet die Kungsgatan vorübergehend) etwas ins Hintertreffen. Umfangreiche Renovierungsarbeiten in den 1990ern gaben der Straße aber ihre alte Bedeutung als vornehmen großstädtischen Boulevard zurück. Eine etwas skurrile Besonderheit der Kungsgatan ist die Beheizung der Bürgersteige im Winter mittels Rohrleitungen unter dem Belag, welche von Warmwasser durchflossen werden.
Zum Bild: eine Infotafel gibt Auskunft über die Geschichte (aus dem Schwedischen übersetzt mit DeepL):
„Der Architekt Sven Wallander schlug 1915 vor, den östlichen Teil der Kungsgatan mit einer einheitlichen Gebäudehöhe zu versehen und an der Kreuzung zur Malmkillnadsgatan zwei „Wolkenkratzer“ zu errichten. Diese Idee wurde im Stadtplan von 1919 festgeschrieben. Der nördliche Kungstornet wurde nach seinen Entwürfen 1924 fertiggestellt. Ganz oben befand sich eine Zeit lang der Nachtclub Blue Heaven und später das Atelier des Fotografen K. W. Gullers.
Der südliche Kungstornet, entworfen vom Architekten Ivar Callmander, wurde 1925 fertiggestellt. Im obersten Stockwerk befand sich früher das Restaurant Pagod.“
Bild oben: am Treppenaufgang zur Brücke der Regeringsgatan über die Kungsgatan gibt es an der Wand ein historisches Foto von der Kungsgatan; wenn man die Fahrzeuge als Maßstab nimmt, müsste die Aufnahme in den 1950er Jahren entstanden sein. Damals herrschte in Schweden noch grundsätzlich Linksverkehr; erst 1967 wurde auf Rechtsverkehr umgestellt. Oberleitungsbusse (wie in Bildmitte) gab es in Stockholm bis 1964.
Konserthuset (Konzerthaus) am Hötorget, Tengbom, 1926
In den Jahren 1925/26 entstand am Hötorget (Heumarkt) das Konzerthaus (Konserthuset) nach Plänen von Ivar Tengboms – siehe dazu die Seite „Stockholm – Kulturbauten„. Ab Fertigstellung des Hauses wurden/werden dort jedes Jahr am 10. Dezember die von der 1900 gegründeten Nobelstiftung finanzierten Nobelpreise durch den schwedischen König verliehen. Der Platz hat seinen Namen „Heumarkt“ aufgrund des Umstandes, dass hier im Mittelalter Bauern das Heu für die königlichen Ställe abluden. Heute ist es ein Marktplatz für Gemüse, Blumen und Obst während der Woche; am Sonntag findet hier immer ein Flohmarkt statt.
Bild oben: das Konzerthaus am Heumarkt; im Hintergrund rechts die Bürotürme der HötorgCity.
Wohnungsbau vor dem Zweiten Weltkrieg
Im Wohnungsbau wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Gebäude in Form einer Blockrandbebauung mit einem begrünten Innenhof errichtet, eine städtebauliche Struktur, die etwa der Architekt Per Olof Hallman favorisierte. In den 1920er und 1930er Jahren wandte man sich von den umbauten Innenhöfen ab und baute so genannte „Lamellenhäuser“, die in Gruppen parallel angeordnet waren und frei standen. Inspiriert wurde diese Bauweise wohl durch Architekten wie Le Corbusier in Frankreich, Bruno Taut oder Ernst May in Deutschland. Eine Siedlung nach diesen Prinzipien entstand zum Beispiel 1929 in Gärdet oder etwas später in Norr Mälarstrand.
Zweiter Weltkrieg und unmittelbare Nachkriegszeit – Zuwanderung und Wachstum der Stadt
Im Zweiten Weltkrieg blieb Schweden – wie bereits schon im ersten Weltkrieg – streng neutral. Im Gegensatz zu Norwegen oder Dänemark musste es auch keine deutsche Besatzung erdulden. Das wird u.a. dem Umstand zugeschrieben, dass Deutschland an die Lieferung von Eisenerz aus Schweden angewiesen war. Auch sonst gab es Kooperationen zwischen Schweden und dem nationalsozialistischen Deutschland.
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine starke Migrationsbewegung nach Schweden: einerseits herrschte ein großer Mangel an Arbeitskräften und andererseits kamen viele Flüchtlinge aus den Krisen- und Kriegsgebieten in das skandinavische Land, so aus dem Iran und dem Irak oder aus südamerikanischen Staaten; aber auch Kurden, Eriträer oder Menschen aus den Teilstaaten Jugoslawiens suchten eine friedliche Zukunft in Schweden bzw. in der Hauptstadt Stockholm. Während die Einwanderer sich zunächst auf die innerstädtischen Bezirke und diejenigen an der Peripherie noch etwa gleichmäßig verteilten, konzentrierten sich die Zugewanderten später zunehmend auf die Randbezirke, etwa auf Tensta, Rinkeby oder Skårholmen.
Bereits während der späteren Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs war in Stockholm ein Stadtentwicklungsplan ausgearbeitet worden, welcher die Stadtentwicklung entlang der neuen U-Bahnlinien vorsah, wobei eine Funktionstrennung für die verschiedenen Bereiche vorgesehen war: der Bereich A stand dabei für Arbeit, also die Ansiedlung von Industrie und anderen Produktionsbetrieben vor; der Bereich B (wobei B für bostat = Wohnbebauung steht) war für Wohnsiedlungen vorbehalten und C schließlich stand für Centrum, also für zentrale städtische Funktionen; diese Aufteilung wurde unter der Bezeichnung „ABC-Stadt“ bekannt. Insgesamt sollte eine solche Siedlung eben nicht nur „Schlafstadt“ sein, sondern auch Arbeitsmöglichkeiten und die notwendigen städtischen Versorgungsfunktionen (durch Einkaufszentren) sowie vielfältige öffentliche Einrichtungen enthalten.
Nach diesem Prinzip entstanden etwa Vällingby, Farsta, Gröndal oder Högdalen und als letztes umgesetztes Projekt dieser Art Kista Centrum nordwestlich der Innenstadt (1977). Die Mehrzahl neuer Wohnungen wurde von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften entwickelt und gebaut.
Umgestaltung der Stadt – Norrmalmsregleringen und neuer zentraler Platz Sergels torg
Der Cityplan von 1946 sah die Umgestaltung des Stockholmer Stadtzentrums im Sinne einer autogerechten Stadt vor. Die Umsetzung führte insbesondere zu drastischen Eingriffen bei der Sanierung von Norrmalm (so genannte Norrmalmsregleringen) in den Jahren 1952 bis etwa 1975 ; dabei wurden insgesamt 750 Gebäude, darunter auch viele historisch bedeutsame Bauten abgerissen und oft durch Büro- und Geschäftsbauten ersetzt (was später auch Widerstände in der Bevölkerung auslöste).
Als Symbole einer modernen Stadt entstanden zwischen 1955 und 1962 am Sergels torg fünf ähnlich proportionierte, 19-stöckige Hochhausbauten der HötorgsCity auf einem gemeinsamen Sockelgeschoss nach Plänen von fünf verschiedenen Architekten: David Helldén, Anders Tengbom, Sven Markelius, Lars-Erik Lallerstedt und Backström&Reinius.
In den Jahren 1963/64 entstand an der Klarabergsgatan ein Kaufhaus der Kaufhauskette von Åhlén & Holm, das Åhléns City, welches hier einen ganzen Gebäudeblock einnimmt.
In dieselbe Zeit (1964-67) fällt auch der Bau des Fernsehturms / Funkturms (Kaknästornet) im Stadtteil Djurgården.
1973 wurde am Sergels torg das von Peter Celsing geplante Kulturhuset fertiggestellt (Näheres dazu auf der Seite „Stockholm – Kulturbauten„).
Sergels torg wurde einer der zentralen Plätze der (modernen) Stadt; benannt ist er nach dem Bildhauer Johan Tobias Sergel. Auf der Mitte dieses Platzes befindet sich eine vom schwedischen Künstler Edvin Öhrström geschaffene, 37 Meter hohe Säule aus Glas.
HötorgsCity: die fünf Hötorg-Hochhäuser (Hötorgsskraporna), 1962
Zwischen 1955 und 1962 entstand am Sergels torg ein Büro- und Geschäftszentrum in Form von fünf ähnlich proportionierten, 19-stöckigen Hochhausbauten auf einem gemeinsamen Sockelgeschoss nach Plänen von fünf verschiedenen Architekten: David Helldén, Anders Tengbom, Sven Markelius, Lars-Erik Lallerstedt und Backström&Reinius. Bei der Ausschreibung war ein weitgehend einheitliches Aussehen verlangt; die Gebäude unterscheiden sich demnach nur in der Gestaltung und Materialität der Vorhang-Fassaden. Im zweistöckigen Sockelgebäude mit einer Dachterrasse (Sergels Terrassen) gibt es viele Ladengeschäfte. Auf der gegenüberliegenden Seite entlang der Fußgängerzone Sergelsgatan befindet sich ein Kino (Filmstaden Sergel) und eine Markthalle (Hötorgshallen). Der Straßen- und Kino-Name bezieht sich auf den Bildhauer Johan Tobias Sergel (1740-1814), der an dieser Straße sein Atelier hatte.
Mitte der 1990er Jahre wurden die Fußgängerzone und das Sockelgebäude sowie das Kino und die Markthalle renoviert/modernisiert.
In der Fußgängerzone befindet sich auch eine Kopie der Skulptur „Non Violence“ (Gewaltlosigkeit) des schwedischen Künstlers Carl Frederik Reuterswärd, der das Werk als Reaktion auf die Ermordung seines Freundes John Lennon (1980) schuf. Das Original der „verknoteten Pistole“ befindet sich auf dem Gelände des UN-Hauptquartiers in New York. Die Beatles waren im Jahr 1963 zu Besuch in HötorgsCity.
Bilder oben: erstes Bild: Blick von der Grubbens Terrass auf Kungsholmen über das Gewässer Barnhusviken hinweg nach Norrmalm mit den fünf Hötorg-Hochhäusern; zweites Bild: Blick auf die Gebäude vom Monteliusvägen auf Södermalm; im Vordergrund das Wrangelsche Palais mit seinen Rundtürmen.
Bilder oben: die fünf Hochhausbauten; im Vordergrund die Straße Sveavägen.
Bilder oben: Blick auf das erste Hochhaus am Sergels torg; es befindet sich (April 2026) gerade in der Sanierung.
Bild oben: Blick über die Marktstände am Hötorget (Heumarkt) auf das Konzerthaus (links im Bild), die Hochhäuser sowie den Filmpalast und die Markthalle.
Bilder oben: Blick auf die Hochhäuser sowie das Kino und die Markthalle am Hötorget (Heumarkt); zweites Bild: Fassadendetails.
Bilder oben: Fußgängerzone Sergelgatan zwischen den HötorgCity-Gebäuden und der Markthalle (Hötorgshallen).
Bilder oben: eine Kopie der Skulptur „Non Violence“ (Gewaltlosigkeit) des schwedischen Künstlers Carl Frederik Reuterswärd befindet sich mitten in der Fußgängerzone; der Künstler schuf sie nach der Ermordung von John Lennon von den „Beatles“; die Beatles waren 1963 zu Gast in der HötorgCity.
Das Kaufhaus Åhléns City (1964)
Bild oben: das Kaufhaus Åhléns City befindet sich an der Klarabergsgatan zwischen Sergels torg und Hauptbahnhof; Blick in westliche Richtung.
Das einen ganzen Gebäudeblock einnehmende Kaufhaus befindet sich an der Klarabergsgatan unweit von Sergels torg. Åhléns ist Schwedens größte Warenhauskette, welche aus einem Versandhandelsunternehmen (Åhlén & Holm) hervorging. Die Kette arbeitete zunächst unter dem Namen „Tempo“, 1985 wurde sie dann nach einem der Gründer, Johan Petter Åhlén, umbenannt.
Die Niederlassung in Stockholm wurde vom Architekturbüro Backström & Reinius Arkitekter AB in den Jahren 1963/64 in Fertigbetonteil-Bauweise errichtet. Die Fassade besteht abwechselnd aus horizontalen Bändern mit hellem Verputz und Flächen aus vorgemauerten Backsteinen. Sie ist weitgehend fensterlos; zur Klarabergsgatan hin trägt die Fassade neben dem Kaufhaus-Logo eine groß dimensionierte vergoldete Uhr. An der Ecke Klarabergsgatan / Drottninggatan befindet sich im Gebäude der Abgang zur U-Bahn (T-Centralen), was man am U-Bahn-Logo, dem „T“ (für Tunnel bana) erkennen kann.
Bilder oben: die große Uhr an der Backstein-Fassade des Kaufhauses.
Bilder oben: das Kaufhaus Åhléns City an der Klarabergsgatan unweit des Stockholmer Hauptbahnhofs.
Bilder oben: das T-Schild markiert den Zugang zur U-Bahn-Station „T-Centralen“ an einer Ecke des Gebäudes.
Der Fernsehturm / Funkturm (Kaknästornet), 1967
Der Turm wurde von Borgström & Lindroos geplant und in den Jahren von 1964 bis 1967 in Gleitschalungstechnik in kurzer Zeit erbaut. Im Gegensatz zu Fernsehtürmen anderswo auf der Welt ist der Turmschaft nicht rund, sondern quadratisch. Auch die Plattformen, welche die verschiedenen Antennentypen tragen und auch die Aussichtsetagen haben ebenfalls einen quadratischen Grundriss, aber sie sind in dieser Fläche um 45° gegen den Turmschaft verdreht. Von den Aussichtsräumen hatte man einen wunderbaren Blick über Djurgården bis zur Innenstadt Stockholms; seit 2018 ist der Turm (u.a. wegen Bedenken bezüglich des Brandschutzes) für Besucher/innen allerdings nicht mehr zugänglich. Der Turm ist 170 Meter hoch.
Im Landschaftspark Ladugårdsgärdet (oder nur: Gärdet), nördlich des Seehistorischen, des Technischen und des Etnographischen Museums und in der Nähe zum Funkturm befindet sich auf einer kleiner Anhöhe die Kungliga Borgen, die Königliche Burg, ein kleines Schlösschen, das der Architekt Frederik Blom für König Karl XIV. Johan in den Jahren 1818 bis 1822 erbaute. Eine Besonderheit des Bauwerkes ist seine Mobilität: die Module, aus denen sich das Gebäude zusammensetzt, wurden in Stockholm gefertigt und dann auf dem Hügel zusammengesetzt. Das Haus könnte daher auch leicht wieder demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Blom war also mit dieer Konstruktionsweise der Zeit schon weit voraus: gerade heutzutage wird – insbesondere bei Holzgebäuden – auch mit fabrikmäßig vorgefertigten Modulen gearbeitet.
Nach einem Brand 1977 kam es zu einem Totalverlust des Hauses; 1982 wurde es wieder weitgehend entsprechend dem Original rekonstruiert. Das unter der Königlichen Djurgården-Verwaltung stehende Gebäude wird heute für besondere Anlässe vermietet.
Bild oben: der Funkturm im Frühjahr 2002.
Bild oben: der Funkturm im Frühjahr 2026.
Bilder oben: der Funkturm im Frühjahr 2026; das kleine Schlösschen (Kungliga Borgen = Königliche Burg) auf einem Hügel im Stadtteil Ladugårdsgärdet wurde unter König Karl XIV Johan 1822 erbaut; heute befindet sich dort ein Restaurant bzw. eine Location, die man für besondere Anlässe mieten kann.
Bilder oben: der Funkturm mit den Plattformen für die Antennen und der Turmkopf mit den früheren Aussichtsetagen.
Ein neuer zentraler Platz der modernen Stadt im Rahmen der Norrmalsregleringen – der Sergels torg (Sergel-Platz)
Im Rahmen der umfangreichen Umstrukturierung / Neubebauung von Norrmalm in den 1950er Jahren (bekannt als „Norrmalmsregleringen“) entstand auch der Platz Sergels torg sowie die ihn umgebenden Gebäude. Benannt ist der Platz nach dem Bildhauer Johan Tobias Sergel (1740 – 1814), der in der Nähe sein Atelier hatte.
Der Platz hat eine Ebene auf Straßenniveau und quasi im „Untergeschoss“ eine den Fußgängern vorbehaltene Fläche. Diese ist mit einem markanten Dreiecks-Muster aus hellen und dunklen Belagplatten ausgelegt. Auf diesem Niveau befindet sich auch der Zugang zur U-Bahnstation T-Centralen, außerdem gibt es hier Einkaufspassagen.
Am Südrand des Platzes liegt das Kunst- und Kulturzentrum Kulturhuset (Kulturhaus), welches 1975 von Architekt Peter Celsing fertiggestellt wurde. Näheres zum Kulturhuset auf der Seite „Stockholm – Kulturbauten„.
Auf Straßenniveau befindet sich im Osten ein komplexer Kreisverkehr (vollendet 1959), welcher aber eher elliptisch gestaltet ist; in seiner Mitte befindet sich eine große Springbrunnenanlage mit einer 37 Meter hohen Glassäule in der Mitte. Diese hat 1974 der schwedische Künstler Edvon Öhrström geschaffen und „Kristall vertikal accent“ genannt. Nachts ist die Säule beleuchtet.
Ende 2018 ging eine mehrere Jahre dauernde Phase der Renovierung und Revitalisierung des Platzes zu Ende; mit den unterschiedlichen Baumaßnahmen sollte der Platz fußgängerfreundlicher gestaltet werden; so wurde neue Fußgängerwege angelegt, ein neues Beleuchtungskonzept installiert und auch neue Grünflächen kamen hinzu. All dies sollte das Sicherheitsempfinden und die Aufenthaltsqualität verbessern.
Außerdem verkehrt jetzt hier auch die Straßenbahnlinie 7, die u.a. zu den großen Museen Stockholms führt (Vasa-Museum, Nordisches Museum,…) und auch zum Vergnügungspark Gröna Lund auf der Halbinsel Djurgården. Unterwegs kommt die Trambahn auch an den Kaufhäusern Åhléns City sowie NK (Nordiska Kompaniet) vorbei und soll deshalb besonders bei Touristen besonders beliebt sein.
Auf der Fußgängerebene des Sergels torg findet im August stets das Stockholmer Kulturfestival statt und im Dezember sind hier die Stände des Weihnachtsmarktes aufgebaut.
Bild oben: der Sergels torg im Frühjahr 2002; rechts im Bild das Kulturhuset (Kulturhaus), in Bildmitte die vom schwedischen Künstler Edvin Öhrström geschaffene, nachts beleuchtete Glassäule mit dem Namen „Kristall vertikal accent“, die inmitten einer Springbrunnenanlage im Zentrum eines Kreisverkehrs (der eigentlich eine Ellipse ist) liegt.
Bild oben: der Sergels torg im Frühjahr 2026: links das Kulturhuset mit dem Stockholmer Stadttheater; der hinter dem Bürogebäude aufragende Kirchturm gehört zur Sta. Clara Kirche. Auf dem Platz gibt es seit der Neugestaltung 2018 auch verschiedene Sitzgelegenheiten.
Bilder oben: der Sergels torg ist ein Platz auf zwei Ebenen; besonders auffällig ist das Dreiecksmuster der Pflasterung.
Bilder oben: die Glassäule am Sergels torg; im Hintergrund die Hochhäuser der HötorgCity; das erste Bild stammt aus dem Jahr 2002, die letzten vom Frühjahr 2026.
Das Dagens Nyheter-Hochhaus (DN-skrapan = DN-Wolkenkratzer), 1964
„Dagens Nyheter“ (Nachrichten von Heute) ist die größte schwedische (Tages-)Zeitung. Das Blatt wurde bereits 1864 gegründet und ist heute im Besitz der Bonnier-Familie bzw des Bonnier-Medienkonzerns, wie auch die Boulevard-Zeitung „Expressen“.
Im Stadtteil Kungsholmen wurde von Architekt Paul Hedgvist ein 27-stöckiges und 84 Meter hohes Bürohochhaus für Verlag und Redaktion der Zeitung errichtet, welches 1964 bezogen werden konnte.
Im Jahr 1996 zog die Zeitung dann aus dem Wolkenkratzer aus und verlegte ihre Geschäftsräume in ein Nebengebäude desselben Gebäudekomplexes an der Gjörwellsgatan. Auch das Boulevardblatt „Expressen“ hat jetzt hier sein Domizil. Der Wolkenkratzer wird heute von verschiedenen Firmen als Bürohaus genutzt.
Bilder oben: das markante Gebäude, in dem die Tageszeitung „Dagens Nyheter“ lange Zeit ihren Sitz hatte. An einer Schmalseite windet sich in einem gläsernen Turm eine Wendeltreppe bis zu einer Aussichtsplattform über dem Dach.
Bilder oben: der Dagens-Nyheter-Wolkenkratzer mit dem nächtlich beleuchteten Zeitungsnamen.
Bilder oben: 1996 zog die Zeitung in benachbarte Gebäudeteile des Komplexes um; auch der „Expressen“ und andere Medien haben jetzt ihren Sitz hier an der Gjörwellsgatan.
Bilder oben: Eingangsbereich zum „Dagens Nyheter“ und das Logo des „Expressen“, sozusagen „in Stein gehauen“.
Ein Millionenprogramm (miljonprogrammet) für den Wohnungsbau, 1964 – 1974
1964 wurde vom schwedischen Parlament das so genannte „Millionenprogramm“ (miljonprogrammet) beschlossen; es sah vor, innerhalb von nur 10 Jahren eine Million neuer Wohnungen in Wohnhochhäusern, Mehr- und Einfamilienhäusern zu errichten. Das gesteckte Ziel wurde auch tatsächlich erreicht, jedoch entstanden dabei oft auch monoton wirkende Wohnsiedlungen wie etwa in Tensta oder Skärholmen.
Krisen und (dadurch ausgelöste) moderne Entwicklungen
Anfang der 1970er Jahre kam es – auch angestoßen durch die Ölkrise – zu einer Abkehr vom Ideal der autogerechten Stadt; stattdessen entstanden erste autofreie Zonen. In den 1980er und 1990er Jahren wurde dann verstärkt auch im Bestand gebaut; bestehende Gebäude wurden saniert und modernisiert und die Bebauung wurde nachverdichtet. Neu gebaut wurde etwa im Stadtteil Kista oder auf Södermalm; hier entstand in den Jahren 1991/92 das Großprojekt Bofills båge des katalanischen Architekten Ricardo Bofill. Hier gehört zum privaten Raum in den Gebäuden auch ein großer öffentlicher Bereich zur gemeinschaftlichen Nutzung. Ein weiteres Wohnungsbau-Großprojekt entstand im Bereich St. Erik mit den Grubbens-Ringen und dem Grubbens-Park.
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation infolge der Finanz- und Immobilienkrise in den 1990er Jahren (1990-94) entstanden in dieser Zeit auch einige große neue Projekte, so wurde 1990 das Vasa-Museum (Architekturbüro Månsson & Dahlbäck Architectural Office) vollendet, 1998 konnte das Moderna Museet (Museum für Moderne Kunst) von José Rafael Moneo eröffnet werden und im selben Jahr auch das ArkDes, das Schwedische Zentrum für Architektur und Design (vom selben Architekten). Den Museen Stockholms ist eine eigene Seite gewidmet.
Bofills båge (Bofills Bogen), 1992
Dabei handelt es sich um ein halbkreisförmiges mehrstöckiges (gemischtes) Wohngebäude im Stockholmer Stadtteil Södermalm. Das postmoderne Gebäude ist Teil einer Wohnanlage, zu der noch fünf weitere eher quaderförmige Wohnhäuser gehören. Erste Wohnungen waren 1990 bezugsfertig. Das halbkreisförmige Haus hat einen Durchmesser von beachtlichen 180 Metern und umfasst außer Wohnungen auch Büros, Ladengeschäfte und einen Kindergarten. Die Fassaden aller Gebäude bestehen aus gelblich-weißen Beton-Fertigelementen des auf solche Fertigteile spezialisierten Bauunternehmens Ahlsson & Skarne.
Planer der eigenwilligen Bauten war der katalanische Architekt Ricardo Bofill.
Auf dem Gelände befindet sich zudem ein von Henning Larssen entworfener Wohnturm, der Südturm (Söder Torn), welche stark an einen Leuchtturm erinnert.
Ein ähnliches Wohnprojekt, allerdings in noch viel größeren Dimensionen, realisierte Bofill in der südfranzösischen Stadt Montpellier; in dem hier entstandenen neuen Stadtteil Antigone gibt es auch ein halbkreisförmiges Wohnhaus. Beim architektonischen Design zitierte Bofill dabei die römische und die griechische Klassik.
Zum Bild: der Söder Torn (Südturm) ist etwa 86 Meter hoch und befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Bofills båge.
Bilder oben: das halbkreisförmige Wohngebäude und der Söder Torn (Südturm).
Bilder oben: der halbkreisförmige Wohnblock schließt einen Park (Fatbursparken) ein.
Bilder oben: die Wohnungen der Anlage haben Balkone an der Südseite.
Bilder oben: mit der Laterne an seiner Spitze erinnert der Wohnturm sehr an einen Leuchtturm.
Bilder oben: im Halbrund gibt es einige Durchgänge zwischen innen und außen; hier befinden sich verschiedene Skulturen.
Bilder oben: die weiteren Wohngebäude von Bofill.
Wohngebiet St. Erik / Grubbensringen, 1998
Bild oben: Bestandsgebäude und – dahinter aufragend – die St. Eriks-Türme.
Auf Kungsholmen im Gebiet von St. Erik besaß die Familie Grubb eine Ziegelei, eine Mühle und ein Krankenhaus. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand daraus eine Einrichtung für Arme, Arbeitslose sowie Menschen mit physischen und psychischen Erkrankungen; auch ein Kinderheim war angeschlossen. 1920 wurde die Anlage dann zu einem ganz normalen Krankenhaus, dem St. Eriks Hospital. Dieses wurde 1986 dann geschlossen und die Stadt Stockholm erwarb das Gelände zum Bau von Wohnungen. Planender Architekt für das neue Wohngebiet Sankt Erik war Aleksander Wolodarski; mit 770 Gebäuden, die zwischen 1995 und 1998 errichtet wurden, gehörte dieses Wohnprojekt zu den größten Aktionen dieser Art in Stockholm. Die Gebäude wurden z.T. ringförmig angeordnet (Grubbensringen); sie schließen eine Parkanlage ein (Grubbensparken). Hier steht auch eine kleine Kirche, die Kapelle des Hl. Erik.
Einige Bestandsgebäude aus der Vornutzung blieben erhalten und wurden ebenfalls zu Wohnungen umgebaut, so etwa der ehemalige Stall.
An der Hangkante zum Kanal (Barnhusviken) wurden zwei markante Wohntürme im Stil des Nordischen Klassizismus der 1920er Jahre errichtet (St. Erik’s Türme), was in der Öffentlichkeit zum Teil als „etwas aus der Zeit gefallen“ auch kritisch aufgenommen wurde. Die Türme befinden sich außerhalb des Rings und zwischen ihnen führt eine breite Treppe (Grubbens trappor) hinunter zu einem künstlich angelegten Teich (Spiegelteich).
Bild oben: Blick von der St. Eriks-Brücke (St. Eriksbron) auf die St. Eriks-Wohntürme.
Bilder oben: der Spiegelteich, die St Eriks-Treppe und die beiden Turmwohnhäuser.
Bilder oben: die im Stil des Nordischen Klassizismus gestalteten St. Eriks-Wohntürme.
Bilder oben: Eingangsbereich eines der Türme und Turmkopf mit Penthouse-Wohnung.
Bilder oben: „Grubbensringen“: die ringförmige Anordnung der Wohngebäude schafft im Inneren einen Park (Grubbensparken), in dem sich die Kapelle St. Erik befindet.
Bilder oben: der Grubbens-Ring von außen und Blick von der St. Eriks-Treppe über den Kanal Barnhusviken hinüber zur Bonnier Konsthall.
Bilder oben: andere Wohngebäude im St. Eriks-Gebiet.