Le Havre
Bild oben: 1982 vollendete Oskar Niemeyer den Bau des Kulturzentrums „Le Volcan“; es besteht aus zwei schneeweiß gestrichenen Gebäuden, die von den Einheimischen „Kleiner Vulkan“ und „Großer Vulkan“ bezeichnet werden (manchmal spricht man auch vom Niemeyer’schen „Joghurtbecher“). Im Hintergrund Wohngebäude, erbaut von Auguste Perret und den 60 unter seiner Leitung am Wiederaufbau der Stadt tätigen Architekten.
Le Havre Stadtentwicklungsgeschichte / die Anfänge
Die französische Stadt Le Havre („Der Hafen“) liegt in der Normandie an der Mündung der Seine in den Atlantik bzw. in den Ärmelkanal. Mit ca. 170 Tausend Einwohnern ist sie die größte Stadt in der Normandie; mit dem Hafen liegt sie von der Bedeutung her an zweiter Stelle nach Marseille. Die größte Schrägseilbrücke Europas, die „Pont de Normandie“ verbindet seit 1994 Le Havre über die Seine-Mündung hinweg mit Honfleur.
Die Gründung der Stadt geht auf das 16. Jahrhundert zurück: in der „Bucht der Gnade“ (franz.: grâce) wurde aufgrund einer Anordnung von König François I. ein Hafen vor allem für den Handel mit (Süd-)Amerika und den Kolonialhandel (Indien, Afrika,…) gebaut. Das Jahr 1517 wird als Gründungsdatum für „Havre de Grâce“ genannt. Die Anlage des Straßenrasters erfolgte ab 1541 durch den italienischen Architekten Girolamo Bellarmato. Die innerstädtischen Hafenbecken sind durch Kanäle an die Seine angebunden.
Im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert wurden die Befestigungsanlagen zur Sicherung der Stadt unter Kardinal Richelieu ausgebaut (Stadtmauer, Zitadelle), da sie zunehmend strategische und handelspolitische Bedeutung bekam: die im Hafen umgeschlagenen Waren wurden über die Seine nach Rouen und Paris weiterverteilt, nach Eröffnung der Zugverbindung mit Paris (1847) auch per Eisenbahn. Im 19. Jahrhundert wurde das Hafenbecken Bassin du Commerce gebaut und die Stadt mit wachsender Einwohnerzahl immer wieder erweitert. Dazu wurden Mitte des 19. Jahrhunderts dann auch die Stadtmauern geschleift; an ihrer Stelle entstanden zum Teil bis heute bestehende Verkehrsachsen, z. B. der Boulevard Strasbourg, an dem Rathaus, Börse, Justizgebäude und Banken errichtet wurden. Le Havre erhielt in dieser Zeit auch zunehmend Bedeutung als Auswandererhafen nach Amerika.
20. Jahrhundert / Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelten sich auch neue Industrien an (Raffinerien, Flugzeugbau) und die Stadt wuchs bis 1939 auf ca. 190 Tausend Einwohner. 1940 wurde Le Havre von deutschen Truppen besetzt und als Bestandteil des „Atlantik-Walls“ festungsartig ausgebaut; die Landung der Alliierten in der Normandie 1944 erfolgte einige Dutzend Kilometer nördlich von Le Havre. Um die Stadt von der deutschen Besatzung zu befreien, erfolgten im Herbst 1944 schwere Bombardements durch die britische Luftwaffe; dabei wurde das Stadtzentrum Le Havres komplett zerstört. Außenliegende Stadtbezirke waren weniger von den Zerstörungen betroffen.
Nach Kriegsende plante die französische Regierung den Wiederaufbau als „Musterstadt der Moderne“; eine Rekonstruktion war auch aufgrund der Schwere der Zerstörung undenkbar.
Die Planungen zum Wiederaufbau der Stadt fanden 1945/46 statt; die ersten Bauten entstanden ab Frühjahr 1946 und bereits im Herbst 1950 konnte den ersten Bewohnern der Schlüssel für eine neue Wohnung übergeben werden. Der Bau der Kirche St. Joseph zog sich von 1952 bis 1964 hin, das neue Rathaus wurde 1958 eingeweiht. Zwischen 1978 und 1982 wurde schließlich von Oscar Niemeyer das „Haus der Kultur“ errichtet.


Bilder oben: im nach dem Krieg neu erbauten Stadtzentrum von Le Havre / Blick auf den Turm des Rathauses (mit Uhr).
Auguste Perret, der Erbauer des neuen Le Havre
Als Auguste Perret 1944 vom französischen Ministerium für Wiederaufbau und Urbanismus mit der Planung des Neubaus von Le Havre beauftragt wurde, war er schon 71; den Abschluss der Bauarbeiten erlebte er nicht mehr (er starb 1954): Perret wurde 1874 in Ixelles (heute ein Stadtteil von Brüssel) in Belgien geboren. Er studierte an der Pariser Kunsthochschule École des Beaux-Arts, wo er später viele Jahre als Lehrer tätig war. Hier verbreitete er seine Lehre des „strukturellen Klassizismus“ bei der Gestaltung von Gebäuden und die ingenieurwissenschaftlichen Kenntnisse über den Stahlbetonbau, den er auch auf den Wohnungsbau anwendete. Der „strukturelle Klassizismus“ macht dabei Anleihen in der klassischen Antike: es gibt Säulen mit Kapitellen, Pilaster und eine sich auf die Antike berufende Ornamentik.
Perrets Vater war Bauunternehmer und im heimischen Betrieb lernte er auch die Bautechnik kennen. Ab 1900 eröffnete er in Paris ein eigenes Baubüro (Atelier Perret), in dem auch Le Corbusier zeitweilig arbeitete. Zu den bekannten von ihm ausgeführten Bauten zählen das ursprünglich von Henry van de Velde geplante Théâtre des Champs Élysées, die Kirche Notre-Dame du Raincy oder das Atomenergiezentrum in Saclay. 1905 übernahm Perret gemeinsam mit zwei Brüdern das Bauunternehmen seines Vaters.
Den Wiederaufbau Le Havre’s ging er zusammen mit seinen zwei Brüdern Gustave und Claude und einem Team aus 60 Architekten an, von denen die meisten seine Schüler waren und in seinem Sinne planten und arbeiteten.


Bilder oben: während Perret für den Bau der vielen Wohngebäude zwar die Gesamtrichtung vorgab, die Detailplanung und Bauleitung dann aber doch von seinem Stab an Mitarbeitern übernommen wurde, ist er für zwei Solitäre im Stadtzentrum des neu aufgebauten le Havre weitgehend alleine verantwortlich: für die Errichtung des Rathauses (zusammen mit seinem Kollegen Jacques Tournant) und für die Gestaltung der Kirche St. Joseph mit ihrem leuchtturm-ähnlichen Turm. Auch hier, wie beim Rathaus, erlebte er die Fertigstellung nicht mehr (er starb 1954) und seine Mitarbeiten vollendeten das Bauwerk: Raymond Audigier, George Brochard und Jacques Poirrier. Die Gestaltung der über 12 Tausend farbigen Glasfenster übernahm Marguerite-Félicité Huré.
Der Wiederaufbau von Le Havre
Zum Wiederaufbau / Neubau von Le Havre kann man auf der Website des SWR-Fernsehens unter der Überschrift „Poesie in Beton“ Folgendes lesen:
„1945 beauftragt die Regierung den Architekten Auguste Perret mit einem Masterplan, die durch englische Bombardierungen stark zerstörte Stadt Le Havre schnellstens wieder aufzubauen. Auf 130 Hektar soll Wohnraum für 60.000 Menschen entstehen, eine Stadtverwaltung, Schulen, Kirchen, Hafenanlagen, Gewerbegebiete und eine repräsentative Infrastruktur – eine komplett neue Stadt. Angesichts des riesigen Schutthaufens und in Ermangelung von Baumaterialien macht Auguste Perret aus der Not eine Tugend und verarbeitet den Schutt zu einzigartigen Betonvariationen.“
Auf der Website www.welt.de/reise/ steht dazu:
„Eine Stadt aus farbigem Beton
Zu verdanken ist das moderne Le Havre der Vision eines einzelnen Mannes: Auguste Perret, Lehrer von le Corbusier und Meister des Stahlbetonbaus. Am 6. September 1944 hatten englische Bomber das von deutschen Truppen besetzte Le Havre angegriffen. Über 5000 Menschen starben, 12.500 Gebäude wurden zerstört. Le Havre lag in Schutt und Asche.
Für den sofortigen Wiederaufbau beauftragte der französische Staat den damals bereits 71-jährigen Perret, bekannt für klare Formensprache. Der Masterplan: eine moderne Stadt für 80.000 Menschen zu errichten, die alles verloren hatten. Mit einem Architektenteam errichtete Perret zwischen 1946 und 1954 über 100 neue Gebäude. Der Baustoff: Beton. Perret ließ Geröll und Ziegelschrott aus den Ruinen zu Sand zermahlen. Daraus wurde getönter Beton gemischt, der den Gebäuden unterschiedliche Nuancen verleiht.
Es entstand etwas weltweit Unvergleichliches: eine Stadt aus farbigem Beton. Je nach Stand der Sonne funkeln die mit kleinsten Glassplittern durchsetzten Fassaden in Beige, Gelb, Rosa oder Goldbraun. Bei Licht betrachtet ist Le Havre gar nicht grau, sondern bunt.
Damit war Perret seiner Zeit sehr weit voraus. Mittlerweile wird Beton ja nicht mehr nur als reiner Baustoff angesehen, sondern als Trendmaterial für modernes Wohnen geschätzt. Die Nachkriegsarchitektur von Le Havre wird deshalb gerade von einer jüngeren Generation als dynamisch und wegweisend empfunden – Poesie in Beton.“
Bilder oben: Wohnblocks an der Avenue Foch, am Boulevard François 1er oder der Rue Richelieu: die Bearbeitung der Betonoberflächen, die reiche Ornamentik an den Fassaden und die (vorgeschriebene) Farbgestaltung beim Sonnenschutz gibt den Wohnstraßen ein heiteres Gesicht.
Bilder oben: Wohngebäude in der Nähe des Rathauses und des großen Rathausplatzes: für Perret war es wichtig, dass das Tragwerk der Gebäude an der Fassade ablesbar war; die Stützen, Balken und Pfeiler wurden vorgefertigt und das Tragwerk der Gebäude so vor Ort zusammengesetzt.
Bei den Planungen hatte man sich für die Wohngebäude auf ein Rastermaß von 6,24 Metern geeinigt, welches die Breite der Gebäudeachsen oder die Stockwerkshöhe bestimmt; Teile und Vielfache dieses Grundmaßes bestimmen alle Dimensionen. Die Wohnhäuser zeichnen sich in der Regel durch geschosshohe Fenster aus; auf das öffentlich genutzte Erdgeschoss folgt meist ein Zwischengeschoss (Mezzanin) und anschließend drei, sechs oder zehn weitere Etagen. Es gibt Dachterrassen, (umlaufende) Balkone und für die Fenster Gesimse. Stützen oder Säulen betonen die Vertikale, Vorsprünge die Horizonale; alle Bauten haben Flachdächer.
An markanten Stellen des städtischen Straßenrasters überragen 12-stöckige Wohntürme die übrige Bebauung, so etwa südlich des Rathausplatzes an der Rue Victor Hugo, westlich und östlich des Rathausplatzes oder am westlichen Ende der Avenue Foch an der Porte Océane.
Bilder oben: Hotels im Stadtzentrum: das Art Hotel und das Hotel Vente D’Ouest.
Bilder oben: Wohngebäude und ihre Fassadengestaltung. In der Regel ist wird das Erdgeschoss öffentlich genutzt für Verwaltungseinrichtungen, für die Gastronomie oder den Handel; darauf folgt ein Zwischengeschoss (Mezzanin) für die Angestellten und darüber weitere Etagen mit Wohnungen. Bei der Ornamentik an den Fassaden / Balkonen machte Perret wohl auch Anleihen an Formen, die er in Algerien kennengelernt hatte; zwischen 1912 und 1952 baute Perret auch in diesem nordafrikanischen Land.
Bilder oben: Wohngebäude gegenüber dem Rathaus und Fassade in der Abendsonne.