Stuttgart – Arbeitersiedlungen

Arbeiter- und Werkssiedlungen, Sozialer Wohnungsbau durch die Stadt

Im Zuge der Industrialisierung ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts (zunächst v.a. in der chemischen Industrie; Gründung der Firmen Bosch und Daimler 1886 bzw. 1890) benötigten die vielen Arbeiter/innen der neuen Industriebetriebe auch Wohnraum; bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden für sie daher eigene Arbeiter- bzw. Werkssiedlungen, so etwa das „Postdörfle“ an der Heilbronner Straße. Diese Siedlung wurde zwischen 1868 und 1872 von Georg Morlok in steiler Hanglage an der Bahnhofstraße (heute: Heilbronner Straße) für Bedienstete von Post und Bahn erbaut: es entstanden etwa 200 Wohnungen und zwei größere Gebäude entlang der Heilbronner Straße, in denen Gemeinschaftseinrichtungen untergebracht waren: eine Wasch- und Badeanstalt, ein Laden sowie eine Kantine. Im Zweiten Weltkrieg wurde die dem Bahnhof benachbarte Siedlung fast vollständig zerstört, nur Teile der Gebäude mit den Gemeinschaftseinrichtungen blieben erhalten. Die Siedlung wurde nach dem Krieg in vereinfachter Form wieder aufgebaut, etliche Gebäude in neuerer Zeit durch moderne Wohngebäude ersetzt.

Zu den Bildern: Umbauarbeiten an den Gemeinschaftsgebäuden des „Postdörfle“ (2006/07).

Die Gemeinschaftsgebäude wurden in den Jahren zwischen 2004 und 2008 von Harald Schreiber und Christoph Mäckler zu einem Hotel umgebaut. Dabei blieb die Neorenaissance-Fassade zur Heilbronner Straße hin erhalten und wurde um die Giebel ergänzt. Zwischen den beiden Gebäuden befand sich ursprünglich eine Treppe zum Erschließungsweg der Siedlung. Diese Lücke wurde beim Umbau durch einen dreigiebligen Mittelbau geschlossen, welcher nun den Hoteleingangsbereich aufnimmt.

Bilder oben: die beiden Gebäude, welche ursprünglich Gemeinschaftseinrichtungen für die Post- und Eisenbahnersiedlung aufnahmen, wurde zum Hotel umgebaut.

Bilder oben: der frühere Aufgang zur Erschließungsstraße für das Postdörfle wurde beim Umbau zum Hotel als Standort für einen Verbindungsbau genutzt, der den Eingangsbereich aufnimmt. Letztes Bild: Blick aus der Gegenrichtung, im Hintergrund das Hochhaus der LB-BW, links neue Bebauung des ehemaligen Postdörfle-Areals.

Bild oben: heute ist das ehemalige Postdörfle-Areal im nördlichen Bereich mit neuen Wohnblocks bebaut.

Das Tunzhofer Arbeiterviertel (1900 – 1903)

Diese Wohnanlage an der Türlenstraße (hinter dem ehemaligen Bürgerhospital) besteht aus 13 5- bis 6-geschossigen Häusern, die auf einem Areal in Form eines unsymmetrischen Trapezes in Gruppen angeordnet sind. Die Durchgänge zwischen den Gebäudetrakten führen zu einem idyllisch ruhigen, begrünten und baumbestandenen Innenhof.

Geplant und gebaut hat die Arbeitersiedlung der Stuttgarter Architekt und Beamte der städtischen Bauverwaltung Albert Pantle. Von ihm stammen auch die Gebäude der Ostheimer Schule, der Schickhardtschule oder des Verwaltungsbaus des Schlachthofes (heute: Schweine-Museum).

Der spätere Baustil von Albert Pantle wird in der Literatur z. T. als „Stuttgarter Variante des Jugendstil“ charakterisiert.

Die den Innenhof umschließenden Gebäudetrakte bestehen einmal aus 4 und dreimal aus 3 Häusern, die aneinandergebaut, aber jeweils durch eine über das Dach in Form eines Stufengiebels hinausragende Brandmauer getrennt sind.

Der besonders gestaltete Eingang liegt in der Mittelachse jedes Hauses. Eine Achse überragt die anderen jeweils um eine Etage – Giebel und Dach sind hier jeweils besonders geformt und gestaltet.

Zum Bild: Eingangsachse eines der Gebäude.

Bilder oben: Blockrandbebauung im Tunzhofer Arbeiterviertel: 4 Gruppen von insgesamt 13 Häusern sind um einen unsymmetrisch trapezförmigen Innenhof herum angeordnet. Die Fassaden und Dächer sind aufwändig gestaltet

Erbaut wurde die Siedlung ursprünglich für die Arbeiter der städtischen Latrinenanstalt auf dem jenseits der Türlenstraße liegenden Gelände (heute Betriebshof der Abfallbetriebe Stuttgart). Bei umfangreichen Sanierungsarbeiten um das Jahr 2000 wurden insbesondere auch die vielfältig gestalteten Fassaden wieder auf Vordermann gebracht.

Zu diesen Fassaden kann man auf Wikipedia das Folgende lesen:

„Die Sockel der Häuser bestehen aus Beton mit Rauputz, die Wandflächen der Fassaden sind an den Vorderfronten weiß verputzt und an den Neben- und Rückseiten mit Blendziegeln verkleidet. Die Fenster- und Türeinfassungen werden von Zementkunststein oder rotem Sand- oder Backstein gebildet. Die Eck- und Zwischenlisenen bestehen ebenfalls aus rotem Backstein. Die Vielfalt in der Gestaltung der Fenster erhöht den Abwechslungsreichtum der Fassaden, (…)“