Stuttgart Forschungscampus Vaihingen

Hochschulbau der Nachkriegszeit – der Campus Vaihingen der Universität Stuttgart

Bereits 1955 wurde die zukunftsweisende Entscheidung getroffen, in der Stuttgarter Stadtmitte nur die Fakultäten für Architektur und die Geisteswissenschaften sowie die Uni-Verwaltung zu belassen, die Natur- und Ingenieurwissenschaften, sowie die Mathematik (und später die Informatik) sollten auf einem neuen Campus in Stuttgart-Vaihingen (Pfaffenwald) angesiedelt werden. 

Im Lauf der Zeit ließen sich auf dem Vaihinger Campus auch weitere Hochschuleinrichtungen (etwa das Höchstleistungsrechenzentrum) und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (z. B. Fraunhofer-Institut, DLR) nieder.

In der Schrift „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“, 4/2022 kann man im Aufsatz „Der Hochschulbau als Experimentierfeld moderner Architektur“ von Peter Huber zum Bau von Hochschulgebäuden in der Nachkriegszeit das Folgende lesen:

„Am Hochschulbau lassen sich sämtliche Strömungen der Moderne und eine große Experimentierfreude in äußerst qualitätvollen Bauwerken verfolgen. (…)

In der Nachkriegszeit machten die stark steigenden Studentenzahlen den Hochschulbau dieser Zeit zu einer Bauaufgabe von hoher Priorität. So mussten in kürzester Zeit eine Vielzahl von Gebäuden für Forschung und Lehre errichtet werden. Die Architekten der Nachkriegsmoderne hatten während des Baubooms der Wiederaufbauzeit weitreichende Erfahrungen bei der raschen Umsetzung dringend benötigter Wohn- und Gewerbebauten sammeln können und waren in der Lage, wirtschaftlich und schnell eine große Menge an Gebäuden zu errichten. Die Bauaufgabe Hochschule ist äußerst vielfältig und umfasst neben Lehr- und Verwaltungsgebäuden unterschiedlichste Sonderbauten, wie Bibliotheken, Mensen, Wohnheime und Forschungsbauten mit äußerst differenzierten Anforderungen.

Der nachkriegszeitliche Hochschulbau war mit zeitgenössischen Architekturströmungen fest verknüpft und an progressiven Entwicklungen des Bauwesens maßgeblich beteiligt. In den 1960er Jahren entwickelte sich in Westdeutschland aus der ersten Nachkriegsmoderne, die an das Neue Bauen der 1920er Jahre anknüpfte, eine Zweite Nachkriegsmoderne, welche stark von der damals ihren Höhepunkt erreichenden Internationalen Moderne beeinflusst wurde. Die Zweite Nachkriegsmoderne, welche in die Zeit des Hochschulbaus fällt, wurde durch den Bauboom der Wirtschaftswunderzeit begünstigt. Sie begann mit der Internationalen Bauausstellung in Berlin, bei der im Zuge einer Neubebauung des Hansaviertels die namhaftesten internationalen Architekten ihre Wohnbauten präsentierten, und endete erst mit der Ölkrise von 1973.“ 

Drohnenflug-Video der Universität Stuttgart über und im Campus Vaihingen und in Stadtmitte 

Auf der Website der Uni Stuttgart gibt es ein Drohnenflug-Video von den Gebäuden auf dem Uni-Campus in Stadtmitte und in Vaihingen; auch IN den Gebäuden ist die Drohne unterwegs (Flure, Hörsäle, etc.)

Link zum Video auf der Uni-Website:

https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/video/Drohnentour-ueber-und-in-der-Universitaet-Stuttgart/

Link zum Video auf YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=8NLR5f6e2A0

Bild oben: Screenshot aus dem Drohnenflug-Video.

Das ILEK-Gebäude, 1967/68

Bild oben: eine neue Art des Konstruierens: das seilverspannte Flächentragwerk des Institutsgebäudes des ILEK auf dem Uni-Campus in Stuttgart-Vaihingen.

Das Gebäude des heutigen Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK) ist hervorgegangen aus dem 1964 von Frei Otto gegründeten Institut für Leichte Flächentragwerke (IL). Ursprünglich wurde die Konstruktion als Versuchsbau für den zeltartigen Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung EXPO 1967 in Montreal von Frei Otto und Rolf Gutbrod in Stuttgart Vaihingen aufgebaut. Ein Jahr später (1968) wurde die zeltartige Dachkonstruktion abgebaut und zwei Kilometer entfernt am heutigen Standort wieder aufgebaut. Das Zeltdach wurde dabei ergänzt um eine Wärmedämmung und eine Innenverschalung des Daches aus Holzschindeln sowie die gläserne Außenhaut des Gebäudesockels, sodass ein ganzjährig nutzbares Institutsgebäude entstand. Die Möblierung im Inneren wurde ebenfalls von Frei Otto entworfen: hier bildet eine Metallkonstruktion ein Podest, so dass der Raum quasi zwei Etagen hat.

Frei Ottos Nachfolger am IL war 1994 Werner Sobek; 2001 verschmolzen das IL und das Institut für Konstruktion und Entwerfen von Jörg Schlaich dann zum ILEK.

Das ILEK-Gebäude und der Pavillon von Montreal bildeten die Vorläufer für eine Konstruktion ganz anderer Dimension: für das Dach des Olympia-Stadions 1972 in München, an dessen Planung außer Gutbrod und Otto auch Günter Behnisch, Jörg Schlaich und Fritz Leonhardt beteiligt waren.

Das Zeltdach des ILEK ist eine Seilnetzkonstruktion, die von einem zentralen schräg stehenden Stahl-Pylon getragen wird und die an 12 Punkten mit Seilabspannungen in Betonankern im Boden befestigt ist. Ursprünglich war das Dach mit Eternitschindeln eingedeckt; Licht erhält das Rauminnere über ein tropfenförmig eingeschnittenes Oberlicht.

1993 musste das ILEK-Gebäude grundlegend saniert werden; dabei wurde das Dach mit Schiefer-Schindeln eingedeckt und die technische Infrastruktur auf einen aktuellen Stand gebracht. Seit 1990 steht der wegweisende Bau auch unter Denkmalschutz.

Zum Bau ein Zitat aus dem Buch „Stuttgart – Architektur des 20. Und 21. Jahrhunderts“ von Valerie Hammerbacher und Anja Krämer, G. Braun, Karlsruhe, 2013: „Obwohl das Institut unscheinbar am Waldrand liegt, steht es stellvertretend für eine neue Strömung innerhalb der Nachkriegsmoderne. Sein auffälligstes Merkmal ist eine vorgespannte Zeltstruktur. Sie ersetzt die klassischen konstruktiven Prinzipien des traditionellen Baukörpers. Zug und Spannung sind die physikalischen Kräfte, die anstelle von Tragen und Lasten den Pavillon bestimmen. Nicht mehr die konventionellen horizontalen und vertikalen Elemente des Massiv- der Skelettbaus, bei denen die Last durch Mauern oder Pfeiler auf die Fundamentplatte abgeleitet wird, kommen zum Einsatz, sondern hängende, leichte Flächentragwerke.“ (…)